Bruce Springsteen – The River

theriverIch mied ihn so lange ich konnte. Weil ich den Übergrößen des Rocks misstraute oder vielleicht sogar ob ihres Status verachtete. Bob Dylan, Greatful Dead, Rolling Stones, Who, Doors, The Clash undundund Bruce Springsteen.

Es war Marco der Fuchs, der jung, klug und frech genug war und ein Loblied auf „The River“ sang und genug Vertrauen meinerseits besaß, dem Song eine Chance zu geben. Nicht, dass ich ihn gleich anhörte und lieb gewann. Das dauerte seine Zeit. Aber als ich ihn dann endlich anhörte, war ich doch beeindruckt von der einfachen Schönheit, der Aufrichtigkeit der Stimme und vom Text, soweit ich ihn oberflächlich mitbekam.

Immer wieder schlängelte ich dann um „The River“ herum. Einige Male wollte ich ihn zu verschiedenen Vinylpredigten nutzen, verwarf es aber jedes Mal. Doch vor einigen Tagen dann legte ich „The River“ auf einer privaten Party auf. Ich unterhielt mich gerade mit einem Altersgenossen nebenbei, als ich den Song begann. Sofort reagierte er, wie auch alle anderen Männer unseres Alters in Sichtweite. Wir lauschten alle gemeinsam, mancher blickte ins Leere und sang leise mit. Es war der schönste Moment des Abends.

Am Tag darauf hing ich schweren Gedanken nach. Solche, die zurückblicken, um dann noch schwerer zu werden. „The River“ schien mir meiner Stimmung gerecht zu sein, so dass ich ein Video davon suchte. Ich stieß auf folgendes auf Youtube:

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Ach herrje… Springsteen singt wie der allererste Mensch der Welt. So ernst und unschuldig und würdevoll, dass mein Herz sogleich noch schwerer, aber auch irgendwie erhaben wird. Zuerst spielt er ja nur Mundharmonika, das große Orchester des einsamen Mannes. Und er bläst dabei nicht nur die eingeatmete Luft wieder aus, sondern auch Sehnsucht. Es ist Melancholie, das nicht loslassen Können. Und dann richtet er sich auf, um in die Massen an Menschen zu schauen. Doch sein Blick scheint weiter zu gehen, wenn er davon singt, dass er aus dem Tal kommt. Dort bringen sie Dich zu tun, was schon Dein Vater gemacht hat. Zwei Sätze, und schon läuft ein Archetypus einer Geschichte vom übermächtigen Vater, dem man natürlich folgt in seinen Ansichten und Werten. Das ist so uramerikanisch großartig in seiner Schlichtheit und Effektivität. Es geht weiter mit der 17-jährigen Mary und ihm auf der Highschool, die gemeinsam runter zum Fluss fahren, um in ihn einzutauchen. Er schwängert sie. Er ist 19 und hat nur einen Gewerkschaftsausweis und einen Hochzeitsanzug. Eine freudlose Hochzeit, doch sie lässt sich nichts anmerken. Er arbeitet auf dem Bau, doch die Firma geht es schlecht und er fliegt raus und Mary lässt sich nichts anmerken, dass es ihr Sorgen macht. Es ist eine ganz normale Lebensgeschichte des Scheiterns, bei der gefragt wird, ob ein Traum, der nicht wahr wird, eine Lüge sei. Oder noch schlimmer. Und wie er zum Fluss runter fährt, obwohl er weiss, dass er trocken ist.
Und dann der Schwenk über das Publikum. Einfache Menschen der 80er. Schnauzer und Vokuhila, Miniplis und Jeansjacken. Und sie sind tief im Song mit dabei. Alles wirkt andächtig, fast erhaben. Ich hörte und sah es wieder und immer wieder, bis mir die Augen überschwemmten. Und dann noch ein paar Mal. Ich war von der Erhabenheit Springsteens beeindruckt und von der Schönheit dieses „White Trash“ des Publikums. Sofort verstand ich „Sons of Anarchy“ oder den Armbrusttypen von „Walking Dead“ besser und tiefer.
Am Tag darauf überredete ich Kollegen dazu, den Song bei der Arbeit zu spielen. Er lief rund ein Dutzend Mal und alle waren begeistert, obwohl sie ihn zuvor nicht gehört hatten.

Nach der Arbeit rief ich nochmals das Video auf, welches mich zum Weinen brachte. Und jetzt erst las ich den kompletten Text zum Video durch: „1988-07-19 RADRENNBAHN WEISSENSEE, BERLIN, EAST GERMANY“. Was ich als „die Schönheit des White Trashs“ wahrnahm, waren tatsächlich Ostberliner. Viele Bands wie Pink Floyd, U2 oder auch David Hasselhoff kamen nach Berlin damals. Aber egal. Irgendwie hat dieser Ort und die Umstände Bruce Springsteen zu einer Höchstleistung verholfen. Da stehen Abertausende von Menschen vor ihm, die ihre eigentliche „Freiheit“ noch gar nicht erahnten. Und was ich zuerst als „White Trash“ wahrnahm, waren „Brüder und Schwestern“ aus dem damaligen Osten. Ich bin Teil, also selbst dieser weiße Abfall.

Dieser Song ist so unfassbar tief und schlägt einen Bogen über Gesellschaftskritik, Arbeiterkampf, Liebeslied, Bedauern, Poetik und Schönheit und wohl noch einiges mehr. Das ist Kunst. Es handelt vom Wahren, Guten und Schönen. Ich fürchte, es hat auch noch in 50 Jahren Relevanz.

Musik kann so viel mehr, als man erahnt.

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