Roxy Music – Same Old Scene

Flesh And Blood ist die Übergangsscheibe zwischen den alten und den neuen Roxy Music und mit Same Old Scene zeigen sie deutlich in Richtung Avalon, ihrem Meisterwerk.

Es ist die Süße und Traurigkeit in der Dynamik, die mir das Herz beim Hören klammert. Manzanera spielt hier eine großartige Funkgitarre und MacKay spielt einen Saxophon-Riff, von denen viele Bands in den 80ern nur Träumen können.

Leonard Cohen – First We Take Manhattan

Die 80er und 90er waren nicht gut für viele der älteren Musiker. Postpunk, New Wave, HipHop und Rap, Leftfield, Jungle, Drum n Bass, Triphop und einige weitere Genres waren frisch und knusprig und da störten die alten Männer (und Frauen) nur. Sie wurden erst wieder im neuen Jahrtausend gebraucht, als die jungen Leute leer wurden und ihnen nichts  mehr einfiel. Der Kreis schloß sich (und mit dem Ableben von Chuck Berry gestern ist sowieso alles vorbei, tot und hinüber. Hail, Hail Rock n Roll meinen Arsch).

So erging es auch Leonard Cohen. Seine Songs begannen ein Eigenleben zu führen. Bird on the Wire wurde von den Neville Brothers gecover, Halleluja von Jeff Buckley. Selbst die derben Coil spielten mit bzw. Who By Fire nach. Leonard Cohen selbst hatte einen kleinen Achtungserfolg 1988 mit First we take Manhattan. Ein guter Song mit einer – bitte entschuldige die deutliche Sprache – beschissenen Produktion und einem noch beschisseneren Video. Man spürt den Druck des Zeitgeists und das Bemühen in der Produktion, diesem gerecht zu werden. Ach, hätten sie es doch gelassen, hätten sie doch den Nerv gehabt, es zeitloser zu produzieren. Es bettelt nach guten Remixen.

Über allem aber: der Text. Was für machtvolle Bilder und welch ein super Plot.

They sentenced me to twenty years of boredom
For trying to change the system from within
I’m coming now, I’m coming to reward them
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’m guided by a signal in the heavens
I’m guided by this birthmark on my skin
I’m guided by the beauty of our weapons
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’d really like to live beside you, baby
I love your body and your spirit and your clothes
But you see that line there moving through the station?
I told you, I told you, told you, I was one of those
Ah you loved me as a loser, but now you’re worried that I just might win
You know the way to stop me, but you don’t have the discipline
How many nights I prayed for this, to let my work begin
First we take Manhattan, then we take Berlin
I don’t like your fashion business mister
And I don’t like these drugs that keep you thin
I don’t like what happened to my sister
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’d really like to live beside you, baby
And I thank you for those items that you sent me
The monkey and the plywood violin
I practiced every night, now I’m ready
First we take Manhattan, then we take Berlin
I am guided
Ah remember me, I used to live for music
Remember me, I brought your groceries in
Well it’s Father’s Day and everybody’s wounded
First we take Manhattan, then we take Berlin

Flying Lotus – Never Catch Me

Vieles, was mir selbstverständlich erscheint, ist es nicht (mehr). Auf den Vinylpredigten kennen Menschen Frank Zappa nicht. Oder Joy Division. Gestern zeigte jemand auf mein Pig Pen-Tattoo und fragte, ob dies Snoopy sei. Ja, das ist ein Nebeneffekt des Alterns. Aber Zappa und Joy Division hielt ich für musikalische Größen wie Frank Sinatra oder Elvis Presley. Die auch langsam der Vergessenheit entgegen singen. Das ursprüngliche „Alles fließt“ wird zum Fluch. Außerhalb der Bubble ist feindliches Gebiet. Komischer Gedanke. Es fällt mir schwer, mich an ihn zu gewöhnen.

Vielleicht fühle ich mich deshalb angetrieben, Dinge festzuhalten. Doch bei genauerer Betrachtung scheint es mir, als ob ich ja nichts weiter als Daten, die im Netz gespeichert sind, neu zu verknüpfen. Es ist auch ohne mein Zutun da. Warum ist es mir wichtig, auf Ausgesuchtes zu verweisen? Ist meine Meinung wichtig? Interessiert es überhaupt jemand? Es ist ja nicht so, als ob man mit viel Feedback überhäuft werden würde. Zumindest ich nicht. Da bleibt mir als Antwort nur, dass ich es kann und will. Auch wenn dies alles irgendwann gelöscht ist oder vergessen irgendwo im übermächtigen Internet lagert, ist jetzt der Moment, in dem ich mich damit auseinander setze. Mein Herz und mein Hirn nutze, um Gedanken und Gefühle zu erzeugen und dies festhalte. Es macht mir Spaß und die Freude ist groß, wenn es wahrgenommen wird. Vielleicht würde ich auch nicht damit aufhören, wenn ich sicher wüsste, dass es niemand liest. Denn es erzeugt trotzdem eine Freude des Schaffens. So unbedeutend sie auch ist, fühle ich Gutes dabei.

Ich komme gerade von der Vinylpredigt „Lang lebe der Tod!“. In der Vorbereitung hörte ich mich intensiver in Flying Lotus‘ You Are Dead hinein. Ist ja naheliegend. Dabei stolperte ich zum Video des Songs Never Catch Me mit Kendrick Lamar am Mikrofon. Ein sehr schönes und lebendiges Video zum Thema. Die einzige Grenze die es zu akzeptieren gilt, ist der Tod. Vielleicht.

Disposable Heroes of Hiphoprisy – Language of Violence

Dank der Vinylpredigten cruise ich durch meine Plattensammlung und entdecke so einiges wieder neu. Zum Beispiel Michael Franti.

Er war bei den Beatnigs, einer Skate-Punk-Dingenskirchensband. Er war bei The Disposable Heroes of Hiphoprisy, einem Industrial-Hiphop-Projekt  und jetzt ist er der Kopf von Spearhead, einer Band, die zwischen einigen Stühlen sitzt. Interessante Entwicklung. Guter Mann.

Echo and the Bunnymen – Going Up

Das erste Lied der ersten Seite der ersten Platte. Eigentlich ist dieses Thema ein eigenes Buch wert. Bei Echo and the Bunnymen beginnt das erste Lied der ersten Seite der ersten Platte unbestimmt, flirrend. Gitarren zirpen, eine Art Echolot piept, eine andere Gitarre geht mit dem Bottleneck die Seiten runter. Da kommt von hinten, aus dem Dunkel erst leise, dann immer lauter die Band herangalopiert, als wären es die vierReiter der Apokalypse. Bedrohlich, rasend. Doch dann bremsen sie ab, um Gesang, einen Riff, einen energetischen, aber langsameren Beat zu schlagen. Es geht aufwärts. Aber es geht auch abwärts. So der Schluss. Der vermeintliche Schluss. Denn nun geht der Song nochmals langsamer weiter. Nein, er blendet aus. Flowers in the air. Taumeln, Träumen, Schwanken.

Die Verweise sind klar: wir kennen Punk, aber auch die Psychedelic der 60er. Going Up ist eines der stärksten Opener einer Debutplatte, die ich kenne. Hier wird alles skizziert, was die Band im Gesamten ausmacht: Der Alarmgesang, die verhallten Gitarren, die Kraft und die Schönheit. Going Up ist absonderlich in seinen Aufbau. In knapp 4 Minuten werden eigentlich 4 Ebenen aufgebaut. Das Chaos zu Beginn, die heranrollenden Gitarren als eine Art Bridge, dann der eigentliche Song samt Gesang und schließlich das taumelartige Dreampop-Ende. Das ist Fülle, einfach so aus der Lameng. Weil man es kann und eigentlich nicht besser weiß.

Das mit zuerst Druck machen und dann langsamer werden ist dramaturgisch eigentlich meist umgekehrt der Normalfall. Also zuerst zart, dann hart. Echo and the Bunnymen machten es auf ihrem allerersten Song auf LP genau andersrum. Das hat Verve, Mut, jugendlichen Überschwang, Kraft.

Franz Ferdinand haben ca. 20 Jahre später den Gedanken von „zuerst schnell und dann langsam“ in Form von Take me out wiederholt.

The Mindscape of Alan Moore

Watchmen, V wie Vendetta, From Hell, Lost Girls , Swamp Thing, Top Ten und das Herausarbeiten von Constantine aus der Swamp Thing-Reihe… Wer sich ernsthaft mit Comic beschäftigt, kommt an Alan Moore nicht vorbei. Für mich ist er eine Art Magier, ein Universalist alter Schule, der eigentlich auf eine Ebene wie auch Umberto Eco zu heben ist. In der Dokumentation „The Mindscape of Alan Moore“ von 2005 versprüht er Bonmots, irre Gedanken und Inspirationen, die mich heute noch beschäftigen.

Audio Active – Burning of the Midnight Lamp

Audio Active waren eine japanische Reggae- und Dubband. Hier covern sie Jimi Hendrix‘ Bunring of the Midnight Lamp. Produziert wurden sie vom britischen Dub-Mogul Adrian Sherwood auf seinem On-U Label. Ich mag es, wenn möglichst weit auseinanderliegende Bezugspunkte zusammenfallen und solche Schönheit entfalten.

Audio Active sind witzig, lustig und selbstironisch auf „Tokyo Space Cowboys“. Auf ihrer anderen mir vorliegenden Scheibe „Happy Happer“ sind sie jedoch mitunter schon derbe psychoaktiv bis anstrengend. Nichtsdestotrotz sind sie es wert, mal wieder erwähnt zu werden.

Tears For Fears – The Hurting

Zwei Spät-Teens oder Früh-Twens machen unter den Namen Tears for Fears ein Album namens The Hurting, welches sich mit Kindheitstraumatas auseinandersetzt. Das liest sich altklug und konstruiert, doch die Scheibe von 1983 lebt vom Gesang, der den oberflächlich gesehen kühlen Betrachtungen von Verletzungen und Missachtungen Inbrunst entgegen zu setzen weiß.

Mindestens 4 Songs der Platte bilden ein stabiles Quadrat, eine Thesenkette von der Verletzung bis zur möglichen Heilung (The Hurting, Pale Shelter, Mad World, Change). Kann man gut hintereinander hören und vielleicht verstehen, warum Tears For Fears mit The Hurting und den nachfolgenden Scheiben Songs From The Big Chair und The Seeds Of Love drei Alben für meine kleine Ewigkeit erschufen: Humanismus und Ästhetik gehen hier Hand in Hand.

Nick Heyward – The Day It Rained Forever

Spitzensong, tolles Arrangement. Die Streicher taumeln müde und Nick schmachtet fantastisch. Man merkt dem Lied an, dass Heyward mit Haircut 100 in Samba und Bossa wühlte bei diesen verminderten Akkorden. Bei ca 2:30 kommt dann der Durchbruch, um dann zu Ende zu plätschern.

Kompositorisch nicht der große Wurf, entfaltet der Song seine Kraft durch die verschwenderische Instrumentierung und das feine Arrangement. Ich kaufe auf Flohmärkten alles von Heyward, was ich kriegen kann, aber dieser Song war leider nie dabei.

Beim heutigen Wiederhören fällt mir jedoch eine Parallele zu Scott Walker auf: Das Regenthema, das Tempo, die Melancholie, die Streicher… Gut möglich, dass sich Heyward von Walker inspirieren ließ.

Prefab Sprout – America

Paddy McAloon ca. 1986

Seit Jahrzehnten spreche ich von Prefab Sprout als beste Band der Welt und aller Zeiten. Das ist nicht sonderlich originell, einige meiner Generation sehen das ähnlich. Man spricht dann vom großartigen Songwriting, den zauberhaften Melodien, dem Blue-Eyed-Soul, vom Willen zur Schönheit, den großartigen Texten und der Band als Familienersatz. Doch  wenn ich ganz aufrichtig bin, berührt mich Prefab Sprout seit The Gunman and other Stories nicht mehr wirklich in der Tiefe. Die nachträglich veröffentlichten Werke wie „Crimson Red“ haben meinen Respekt, aber die Produktionen strahlen nicht mehr, sondern wirken eher dahingerotzt und etwas lieblos.

Paddy McAloon ca 2016

Mag man dies Paddy McAloon vorwerfen? Ich wage es nicht. Es ist sein Genie und sein Werk und seine Band. Er hat genug großartige Songs und Platten veröffentlicht, um mich den Rest meines Lebens zufrieden zu stellen. Zudem ist er mir irgendwie fremd geworden. Aus dem jungen, hübschen Kerl wurde in einen kurzen Augenblick ein scheinbar uralter Mann mit schlohweißen Haaren und langen Bart, Sonnenbrille und einem Gehstock. Mir sind die Hintergründe zwar bekannt, trotzdem will es mir nicht in den Kopf. Es ergibt keinen Sinn.

Wie sang er in Prisoner of the Past? „I’m a ghost to you now“. Ich schloss meinen Frieden und auch ab mit Paddy McAloon. Mag er weiter in Archiven wühlen und Demos veröffentlichen, es stört mich nicht weiter. Seine Zeit ist vorbei und meine vielleicht ja auch. Machen wir uns nichts vor.

Vorgestern dann wieder ein Foto  von ihm in meiner Timeline. Ich hörte kurz in den Song America und dachte „Nett, er lebt noch“. Letzte Nacht sendete mir meine Freundin den Song nochmals. „Okay“ dachte ich, „hör dir das mal richtig an“. Und plötzlich war es wieder da. Diese Relevanz, diese unsagbare Gravität seiner Leichtigkeit. Da sitzt er mit seiner Gitarre und lässt Harmonien perlen, die mich schwindlig machen und singt dabei mit einen gealterten Falsett und voller Zärtlichkeit von America, das die Flüchtlinge aufnehmen soll, da America diese Flüchtlinge braucht. BAMM! machte das bei mir. Gänsehaut und – ja, wirklich – Tränen. Welche Leidenschaft, was für ein Können. Er ist ein Meister, ein König, er ist Zeus mit seinem langen Bart, auch wenn sein Gesang Orpheus gleicht. Er macht mit einer improvisierten Aufnahme alles, wirklich alles vergessen. McAloon greift sich ein beschissen schwieriges Thema und bricht es auf eine ganz einfache und leichte – aber dabei keineswegs dumme – Art und Weise auf eine allgemeinverständliche Botschaft runter. Nimm die Waisen auf, die die Kriege ausspuckten, die du angezettelt hast, America.

Bitte hau eine neue Scheibe raus, Paddy Joe.