Nerdwriter – Ein Youtube-Kanal

Mind is not a thing, but a process. Das ist so ein Satz, wie Nerdwriter ihn gerne fallen lässt. Nerdwriter ist ein Typ, der mit Film zu tun hatte und auch Musik macht. Seine bis zu 10-minütigen Filmchen sind Essays über alles mögliche von der Sprache Donald Trumps über eine Velasquez-Bildbetrachtung bis zum Musikeinsatz bei Marvel-Filmen. Er kann es und das unterhaltsam und hübsch. Er klappert von Kurosawa bis Kubrick die Filmklassiker ab und macht sich Gedanken über den Bader-Meinhof-Effekt.

Nachfolgend ein aktuelles Beispiel: eine Meditation über Film anhand Arrival. Wieder mal gute Beobachtungen schön präsentiert. Achtung, Spoileralarm. Aber das macht einen guten Film wie Arrival nicht kaputt. Meine Empfehlung.

Curtis Mayfield – Here But I’m Gone

Oh meine Güte. Ich höre den Track zum ersten Mal und bekomme Gänsehaut und die Tränen sind auch bereit, die Kanäle zu verlassen. Was für ein Song, was für ein Vermächtnis. Curtis Mayfield, -zigfacher Vater, Hymnenlieferant für die Bürgerrechtsbewegung der 60er, Autor und Sänger von Superfly, Move on Up und drölfhundertvierzehn anderen Monumenten des Souls, der von einem Scheinwerfer auf der Bühne getroffen und seitdem vom Hals abwärts gelähmt war, singt hier. Es stammt von seiner letzten Scheibe „New World Order“. Was für ein großartiger Mensch das doch war.

Ned Doheny – Get It Up For Love

Ja, ich hatte erst kürzlich Ned Doheny mit To Prove My Love, aber es wäre ein Verbrechen, diesen Song nicht zu posten. Get It Up For Love beginnt hippieverkifft wie ein Alan Parson, richtet sich dann aber zu einem so etwas von entspannten  Downbeat-Mellow-schmooven Groover auf. Kein Wunder wird die gute Compilation Too slow to Disco damit eröffnet. Das Klingeln von Eiswürfeln im langen Glas machen sich gut dazu und eine pralle Sonne hilft dabei sehr.

Beck – Beautiful Way

Es ist ein wenig ruhig um den Tausendsassa Beck Hansen geworden. Der große Erfolg hat sich im neuen Jahrtausend nicht mehr für ihn eingestellt, auch wenn die Alben alle zumindest interessant bis hörenswert waren. Wenn ich mein Ohr Richtung Odelay und Midnite Vultures richte, dann fällt mir auf, dass seine Balladen besser als seine Uptempo-Nummern altern. Beautiful Way habe ich beim damaligen Hören der Scheibe nicht viel Beachtung geschenkt. Zu sehr waren die schnellen Songs süß wie Zucker und zickig wie Helmut Berger, also ein großer Spaß.

Beautiful Way fließt dahin wie eine opiumgetränkte Countrynummer. Was sie ja auch eigentlich ist. Geschmeidig wie ein hirschlederner Handschuh, ruhig wie ein uralter Zenmeister beim Kreuzwort rätseln. Such a beautiful way to break your heart.

Ned Doheny – To prove my love

Ned Doheny hat mich und so manchen anderen mit „Get it up for love“ fast in den schönen Wahnsinn getrieben. Aber er kann mehr. „To prove my love“ ist faszinierend, schimmernd, mysteriös, oder auch einfach „mesmerizing“, wie man auf englisch unübersetzbar sagt. Schwing den  Schinken, Kleinkind.

Theatre of Hate

Kirk Brandon war ein Role-Model für mich. Er war so blond und jung und verletzlich und dabei kräftig das Maul mit diesen großen, weißen Zähnen aufreissend. Seine Musik hat Hysterie, den Pathos, diese große Geste, die ich immer noch liebe, auch wenn die Form der Musik so tot wie Elvis Presley ist.

Trotzdem meine ich Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. Als der Song veröffentlicht wurde, schoß ein Wahnsinniger auf den wahnsinnigen Ronald Reagan, in Großbritannien schickte die eiserne Lady Margaret Thatcher ihre Kriegsflotte Richtung Falklandinseln, um einige Pinguine gegen böse Argentinier zu verteidigen und in der BRD stellte Helmut Schmidt die Vertrauensfrage, um ausgerechnet Helmut Kohl dann Platz machen zu müssen. In der Sowjetunion starb Breschnew und keiner wußte, wie es weiter geht. Nicole gewann immerhin den Grand Prix Eurovision (so nannte man den European Song Contest mal) mit – Tataa! – „Ein bischen Frieden“. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft versuchte erst gar nicht, den dialektischen Fehler zu erklären, sondern konterte mit „Ein bischen Krieg“ und der Rest lachte über „Ein bischen schwanger“. Dabei kam es uns damals gar nicht so zynisch vor, wie ich es heute darstelle.
Und wir so heute? Ich muss jetzt nicht von Trump über Brexit bis AfD den Irrsinn der Gegenwart aufzählen, um das Drama unserer heutigen Welt heraufzubeschwören. Es ist wie 1982, nur gefühlt schlimmer. Selbst die Atomkriegsangst ist zurück. Neben ganz modernen (bzw uralten) Ängsten wie Überfremdung, sozialer Verarmung trotz -zig Kommunikationskanälen und die Angst, dass ein kulturfremder Roboter vielleicht mal meinen Job ausüben könnte. Seit 1972 wissen wir vom Club of Rome, dass wir Mutter Natur aber so richtig schaden und das Klima zwischenzeitlich auch nicht mehr so will, wie wir es gerne haben.

Ja natürlich, die Hoffnung auf Änderung und Besserung wird nicht aufgegeben. Der Mensch ist eigentlich zu interessant, um am Ende des 3. Aktes nicht doch ein Happy End verdient zu haben. Wie auch der Rest des Universums einschließlich Schredderkücken und Weihnachtstannen. Doch bis dahin muss man manchmal laut und hysterisch markante Sätze zurückschreien. Gang of Four schrien „To hell with poverty!“, Popgroup „Why do we tolerate mass-murders?“, Crass „What’s next, Columbus?“ und Dead Kennedys „Kill the poor“. Theatre of Hate blieben ihren Namen treu und skandierten „Do you believe in the Westworld?“ im schnellen Galopp-Rhythmus

Mir ist nach mehr sinnlosen Pathos und hohlen Gesten. Wenn die Kunst schon vergeblich kämpft, dann bitte mit Schmackes. Sattel Deinen Gaul und reite alle Götter verfluchend in den Sonnenuntergang. Schieße auf wehrlose Kakteen und heule mit den Koyoten. Aber sei gewarnt: da draussen gibt es keinen Handyempfang.

FKA Twigs – Pendulum

Für mich ist es das Jahr des Körpers. Das System, dieses Monster, hat schon unsere Gefühle, Wünsche und Gedanken. Es steuert unseren Tagesablauf, unseren Schlafrhythmus, unsere Freizeit. Maschinen sollen uns zwischenzeitlich besser kennen, als unsere Partner. Scheinbar dienstbeflissene Software wie Facebook oder Google schlägt uns Themen vor, schränkt gleichzeitig für uns die Themenvielfalt ein, damit wir unser eigenes Trieberbrochenes wiederkäuen und uns nur nicht über eine neue Perspektive echauffieren. Die Nerven liegen blank. Wie tote Frösche, denen durch Stromstöße falsches Leben eingehaucht zu werden scheint zucken wir im kurzen Neuronalgewitter vor blöden Kalenderspruchgrafiken auf unseren Monitoren, um eine Flatulenz an Pseudoweisheit mit einer Gewissheit zu verwechseln.

Mir scheint im Moment der Körper an sich das letzte Refugium der Freiheit zu sein. Damit meine ich keineswegs exotische Ausschweifungen wie kurze oder mittellange Kicks durch Sport oder Sex, sondern die bloße Tatsache, dass ich in einem Körper sitze, ein Körper bin. Ich mag den Gedanken, wie ich meinen Körper an einen Ort bewege, wo andere Körper sind, um ihn mit diesen anderen Körpern kommunizieren zu lassen. Statt via Clickmanagement und Auswahl der Postingzeit irgendjemanden irgendwo zu einen Kommentar oder gar einen Dialog zu verführen. Die Schönheit der einfachen Körper besang schon Walt Whitman in schönsten Worten und seitdem hat sich an dieser Aussage nichts geändert.

Ich schweifte ab. Zurück zu FKA Twigs und Pendulum.

Der Körper im Raum. Der fließende Perspektivwechsel. Die Kontrolle, ja die Freiheit unter Zwängen. Das Erdulden der Verdrehtheit. Die Fesseln, die aus ihren Haaren bestehen, die ihr aus dem Kopf wachsen. Dann das ertrinkende, flüssige Gesicht, welches von der sich frei bewegenden Twigs abgelöst wird. Unser Körper ist unser Palast. Hier zeigt sich die Schönheit und Freiheit unseres Geistes. Unser Körper ist unser bester Freund. Er erduldet einiges mit uns. Wie sang Peter Hein mit Family Five?
Bring Deinen Körper auf die Party.
Etwas anderes hast Du nicht.
Also sei ihm ein guter Freund und bringe ihn oft an die frische Luft.

Hall and Oates

Jim-Bob nannte sich vor rund 10 Jahren ein Mitglied einer Community, der ich vor über 10 Jahren angehörte. Zwischen uns gab es leider einigen Zoff, aber auf der musikalischen Ebene respektierte ich immer seine geschmackssichere Auswahl und merkte mir fürsorglich einige seiner Helden. Das war zuerst Phil Lynott, Basist und Sänger von Thin Lizzy und Hall and Oates. Thin Lizzy lernte ich zwischenzeitlich kennen und lieben, besonders ihr Frühwerk bis Mitte der 70er. Von Hall and Oates war mir vor allem „I can’t go for that“ bekannt, was ich wegen seines eigenartig dumpfen Klanges und des komischen Vibes liebte, aber so richtig erschlossen sie sich noch nicht.

Gestern ging ich mit S. in Oberhausen spazieren. Wir näherten uns dabei dem berüchtigten Centro und ich bestand ein wenig darauf, diese Konsumhölle zu durchwandern. Pflichtbewusst schaute ich die mickrige Schallplattenauswahl im Saturn an und tatsächlich sprang mir eine Best Of von Hall and Oates entgegen. Dafür lohnt sich auch ein Spaziergang durch eine Hölle.

Yacht-Pop, Blue Eyed Soul, Songwriter-Pop… die beiden haben es drauf. Die Musik wird von einem leichten, beschwingten Vibe bestimmt, der nicht untypisch für die 70er ist. Minipli-Frisuren und Schnäuzer. Auf den Bildern schaut der blonde Hall immer etwas bedeppert, während sich Oates im „Blue Steel“-Blick übt. Wie sehr das Duo vom Gesang und Songwriting David Halls getragen wurde, wird einem durch die Wohnzimmersessions klar, die zwischenzeitlich auf Youtube zu bewundern sind. Hall and Oates… zwei kleine und feine Nuggets am Grunde des Stroms. Höchste Zeit, sie zu bergen und zu teilen.

Do ou wanna know more? Hier geht es zu einigen netten „Fun Facts“