Links vom Rheine – Rechts vom Rheine

12″ Label auf 7″ Platte: „Jackie“ von Jacques Brel, interpretiert von Marc Almond, produziert von Trevor Horn…

Gestern war Samstag und ich kickstartete direkt nach Pempelfort zur Botschaft Mitte. Die angekündigte Geschäftsführerin war auch da, hörte sich mein Anliegen an, verwies mich dann aber wegen anderer Arbeiten an ihren Geschäftspartner Phillip, der an einer Bierbank vor der Tür saß.

Irgendwie klingelte mein „Spinnensinn“ (Comicleser wissen mehr) bei unserer Vorstellung. Phillip hörte konzentriert zu und wir wurden uns auch schnell einig und fanden einen Termin. Wie er dann im anschließenden Gespräch von seinen süddeutschten Wurzeln sprach, erinnerte ich mich: Phillip arbeitete doch im Coffe, welches ich ein Jahr lang an der Bar beschallte. Es war der Bart, der mich eingangs ablenkte.

Werte/r Leser/in, Du hast sicher bemerkt, dass ich nicht so ausführlich schreibe, wie gestern. Ich muss mich auch leider kurz halten, da ich ein dickes Tagesprogramm vor mir habe. Also im Schweinegalopp der restliche Samstag.

Fahrt zum Olio, Chefin nicht da. Fahrt nach Oberkassel, rein ins Muggel, Chef nicht da. In der benachbarten „Akropolis“ vogesprochen, doch im Sommer sitzen alle vor der Türe und die Nachbarn sind empfindlich. Gerne im Winter dann in der Akropolis. Ja warum auch nicht?
Sasafras: niemand da.  Wyno: niemand da. Jedoch etwas Hektik vor dem „Chateau Rikx„. Der Innenhof sieht wie aus einen schönen Traum aus und ich frage auf gut Glück jemanden, ob der Geschäftsführer erreichbar sei. War er, ich habe ihn erwischt. Doch es ist ihm  unschwer anzumerken, dass er sehr beschäftigt war. Er hört sich alles  kurz  an, reagiert positiv und gibt  mir seine Nummer, um ihn Sonntag ab 10 Uhr zurück  zu rufen. Sympathischer Mensch, ich freue mich.

Zurück über die Luegallee. Im Salon des Amateurs wird geputzt, im Pretty Vacant werden tagsüber Klamotten verkauft. Da kann ich nicht widerstehen und stecke meine Nase kurz bei Hitsville rein. Und Haru Specks so: YEAH!!! Ein großer Stand mit 50 Cent Singles. Ich blättere eine halbe Stunde konzentriert die Platten geblättert und mich für 16 Singles entschieden. Nein, ich zähle nicht alles auf, aber: Radar Love von Golden Earring und Take Five von Dave Brubeck (B-Seite: Blue Ronde a la Turk, Juchhu!!!). Und eine Abnormität in Sachen Label oben als Foto: da hat man einfach das 12″ Label für die 7″ genutzt, hahaha!
Hier meine Props: das Hitsville ist eine super Fundgrube und der Besitzer Ralf ein extrem netter Mensch.

Schneller, schneller: eine alte Schreibtischlampe aus einen Container auf  der Carlstraße gezogen, in der Zicke vorgesprochen. Geschäftsführer begeistert, muss mit Besitzer sprechen. Im KiT Achim, den Chef, getroffen, sehr nett geplaudert, einen Termin gemacht. Rüber nach  Unterbilk.  Petra muss Karten für das Open  Source los werden. Robert weiss noch nicht,  was er abends  machen  soll. Verknüpfe  die beiden,  auf  dass  Petra an Robert 2 Karten vermacht.

Wo war ich? Der SeifenHorst ist leider immer noch in der Schwebe,  wie auch die Cape Coffee Company. Fahrt zum EmmaFisch. Chef nicht da.  Merkenstock: Chefin  nicht da. Kurzes  Hallo in der süßen Erinnerung, da kommt Valerij vorbei, der mich auf  dem  Fahrrad  fotografierte. Wir machen am Sonntag, um 17 Uhr Fotos. Er ist ein Engel.

Ich treffe meinen Freund Thorsten P. in der süßen Erinnerung und peitschen die Woche im  Gespräch durch. 30 Minuten Thorsten sind für mich erholsam, wie 3 Tage Spa. Dann kurz nach Hause,  auf dem Weg zum Milchschaum treffe ich Cemil, den Besitzer des Milchschaums. Das Milchschaum gibt es leider nicht mehr,  erfahre ich von ihm. Hammer: wie groß seine Tochter  geworden  ist. Beeindruckend offenes Mädchen, toll!

Rein in die Geissel und Termin gemacht (er gibt bescheid, sollte der Besitzer nicht mitspielen).  Zwischendurch noch die Mail vom Salon des Amateurs: Termin steht!

Kurz eingekauft und dann zu N.N. zu Erdebeeren mit Vanilleeis. Ich merke im Gespräch, dass ich mich kaum entschleunigt bekomme und wir quatschen (sorry, ich war wie ein Wasserfall am Sprudeln), bis die Sonne unter ging.

Nach Hause und irgendwas auf D-Max angeschaut. Interessant die Werbeblöcke, die allesamt aus einen schlechten Albtraum von Slavoj Zizek zu stammen scheinen. Ich beschließe, noch weniger zu fernsehen.

Ich grüße, ich winke, ich danke – und Tschüss!

Bilk ist groß, doch Düsseldorf ist größer

Lag es am vorgestrigen Kraftakt? Gestern morgen fühlte ich mich gerädert und es dauerte einige Zeit, bis ich diese Kraftlosigkeit in meinen Körper ignorieren konnte. Nach ein paar Stunden am Rechner (Notseite für haruspecks.de basteln, Karte mit Lokalitäten auf Google Maps anlegen, beantworten der Kommentare auf Facebook, etc.) riss ich mich endlich hoch um dann doch zuerst im Café Süße Erinnerung einen Plausch zu halten.

Und dieser Plausch lohnte sich tatsächlich. Drei Jungs aus der Gastronomie (Timo, Jakob und Aki) berieten mich eingehend, welche Lokalitäten für die Tour lohnenswert wären. Also rauf auf das Transportrad, um erst mal wieder nicht die Geschäftsführerin des Apartments zu erwischen. Weiter zu Timos Tipp: Dreiraum. Und Top, gleich einen Termin gemacht! Angenehmes Paar, die beiden Besitzer. Ob ich draussen oder drinnen die menschliche Jukebox geben wolle? Draussen? Ja ist denn schon Weihnachten? Ich bete für bestes Wetter für  den Termin!

Manchmal flutscht es ja einfach. Frank im Galapagoz macht auch nicht lange rum, sondern sagt einfach zu. Sehr netter Mensch und sehr enger Laden, aber Hauptsache open minded. Meine Vision der Lokalitäten weitet sich: möglichst viele Schichten, möglichst unterschiedliche Lokale sollen es werden. Aus Erfahrung bin ich etwas klüger geworden und habe mir morgens ein paar Brote geschmiert, die ich auf einer Bank vor dem Galapagoz esse. Erwähnte ich schon, dass es ständig ein wenig regnete? Es regnete ständig ein wenig.

Und weiter nach Pempelfort. Aki lag mir extrem in den Ohren, dass es an einer bestimmten Kreuzung einige kühle Lokalitäten gebe. Und tatsächlich erblicke ich die Botschaft Mitte. Wer sitzt am Fenster und liest Magazine? Klaus aus dem Pretty Portal. Klaus scheint ja immer auf das extremste tiefenentspannt. Ich wundere mich, ihn hier anzutreffen, für ihn ist es nur ein kurzer Blick vom Heft auf, ein warmes „Hallo!“, ein Lächeln und schon liest er wieder weiter. Ich deute dies als ein gutes Omen und spreche das gemischte Paar am Eingang an, ob der/die Chef/in zugegen sei. Der armtätowierte junge Mann verneint. Chefin hat Urlaub und will ihre Ruhe haben. Wie immer die Frage, worum es geht, wie immer die Antwort: um eine Veranstaltung. Ich fühle mich bei dieser Antwort oft etwas gemein, weil sich dies nach „ich will den Laden mieten!“ anhört. Aber nun gut, es ist halt eine Form von geschickt offener Antwort.
Der junge Mann bittet mich herein und ich lasse auch gleich die Hosen runter, worum es geht. Er zeigt sich als offen und begeistert, schreibt alles auf und verrät, dass die Chefin morgen (Samstag) ab 10 Uhr zugegen sei. Wir plaudern noch etwas über seine Garage-Punk-Band, sie nehmen eine Single auf. Hach, wie schön. Und… weiter.

Wohin? Ins Olio. Ich wünsche mir, dass die Chefin mich wieder erkennt und den Termin klar macht. Die scheint aber gar nicht da zu sein. Also eine kleine Pause mit Espresso (der ist dort 1A und sehr günstig) und das Handy durchgeblättert. Eine Eingebung. Ich rufe Olli, die selbsternannte Speckrolle aus Oberbilk an und bitte um Inspiration. Sein Tipp: Ohme am Markt am Oberbilker Markt. Ein altdüsseldorfer Laden, der fehlt mir noch. Also ab zum Oberbilker Markt und rein in den Schuppen. Und was soll ich sagen? Ein Traum! Uraltes, dunkles Holz, halbrunde Sitzbänke mit roten Leder bezogen, alles sehr großräumig und Uerige gibt es vom Fass. Die Bedienung ist nicht die Chefin, findet aber alles klasse und denkt, die Besitzer sollten begeistert sein. Sie ist begeistert, ich bin begeistert, aber eine Terminbesttätigung steht noch aus.

Eigentlich war ich schon fleissig: ein modern-gemütliches Restaurant, ein Schwulenlokal, ein cooles Café und ein traditionelles Gasthaus. Ich will aber nun noch ganz andere Kulturen. Das WP8 hatte natürlich zu, so streune ich an der Kölner Straße rum und hänge der Fantasie nach, einen orientalischen Lokal aufzutun. Ich fahre durch den Regen Richtung Bilk, lasse das Apartment links liegen (so langsam kommt das Gefühl auf, das soll nichts werden –  obwohl  ich die Einrichtung sehr charmant finde) und ich bin wieder auf  der Bilker Allee. Da knallt es mir in den Sinn: CEMO, der singende Türke mit bestem Fisch. Es braucht vielleicht 3 Sätze (2 davon, um ihm zu erklären, was eine Jukebox ist) und alles ist geklärt. Termin steht fest.

Nochmals kurzer Stopp bei Aki in der süßen Erinnerung. Er ermahnt mich, unbedingt eine Kamera auf die Tour mitzunehmen. Ich dachte auch schon dran. Kann mir jemand eine leihen?

Morgen dann Oberkassel. Endlich linksrheinisch. Und  zur obigen Karte: blau sind gebongte Termine, rot sind in der Schwebe. Bis dann also.

I like my bike

Haru  Specks fährt Rad

Gestern war nicht mein erster Tag des Lokalitäten-Scoutings, aber der bisher intensivste. Ich muss kurz in mich gehen, um alles zusammen zu bringen. Gespräche führte ich mit Seifen-Horst, Café St. Martin, Concorde, Salon des Amateurs, Eiscafé Adria, KiT und Pechmarie. Mehrmals erfolglos war ich im Apartment (man kündigte mir an, dass die Geschäftsführerin erst um 20 Uhr anzutreffen sei, doch ich hoffte auf ein kleines Wunder, da ich das Halbfinalespiel möglichst weiträumig meiden wollte. Eine unheilbare Allergie. Schlimm, aber nicht wirklich schlimm). Im Galapagoz und Studio 1 hatte ich auch kein Glück. Und dann irrte ich noch erfolglos (weil kein Ziel vorgegeben) 1 Stunde in Derendorf und Pempelfort umher.

Zwischendurch immer wieder kurzer Stopp an meiner Homebase „süße Erinnerung“ in der Brunnenstraße und mit Valerie dann Mittags noch einige Fotos geschossen. Welch ein großartiger Mensch doch Valerie ist (wie ich sowieso viele tolle Menschen bei der Vorbereitung treffen darf). Obiges Bild ist von ihm. Ständig mussten wir die Straße wegen Autos und Straßenbahnen räumen. Vielen Dank für seine Geduld.

Gegen 19:30 Uhr radelte ich dann Richtung Wohnung. Mein Hintern schmerzte vom schlechten Sattel, der Kopf dröhnte leicht von all den Gesprächen und der schwülen Hitze. Da entdeckte ich eine Give-Box am Kirchplatz. Neugierig steckte ich die Nase hinter den Vorhang und erblickte einen Stapel Schallplatten. Oh, oh, ohhhh!!! Ich danke dem edlen Spender. You made my evening!

So langsam füllt sich mein Kalender für August. Heute werde ich mal eine Karte anlegen, um die Verteilung der Lokalitäten zu prüfen. Mich dünkt, ich bin aus Bequemlichkeit und Unwissenheit etwas Bilk-lastig.

Die menschliche Jukebox in tiefer Konzentration

Bilktourmotiv 2008

Ich bereite den August vor und fühle mich etwas wie ein wandelndes Himmelfahrtskommando: ich werde wieder als menschliche Jukebox unterwegs sein.

Wir erinnern uns: 2008 machte ich als menschliche Jukebox eine Bilktour: an 6 aufeinanderfolgenden Abenden spielte ich in 6 unterschiedlichen Lokalitäten Bilks auf. Die Idee (und Ausführung) war so simpel wie möglich. Ich nehme unterschiedlichste Singles und verteile die Listen im Publikum. Die Gäste schreiben bis zu 5 Wunschtitel auf und zahlen pro Song 50 Cent. Ich spiele die Titel in der Reihenfolge des Empfanges auf einen Kofferplattenspieler ab. Fertig.

Der Effekt war erstaunlich. In Zeiten, in denen jeder tausende Songs auf seinen Handy mit sich herumträgt freuen sich Erwachsene Menschen wie kleine Kinder auf „ihr“ Lied. Niemand beklagt sich über die Musik. Pausen des Plattenwechsels sind allen egal. Es wurde über fast vergessene Hits diskutiert, mitgesungen und auch getanzt. Die Jukebox als audiophiles, wärmendes Feuer, um das sich Menschen scharen und Freude durch Musik teilen.

Nun bin ich also in Vorbereitung auf die nächste Tour der menschlichen Jukebox im August. Und wenn ich August schreibe, dann meine ich den ganzen August. Beginn ist der 1. August und es endet am 31. August. Jeden einzelnen Tag. Es müssen also 31 Lokale gefunden werden, die ich mag. Dies bedeutet: hinfahren, nach dem Chef fragen, gegebenenfalls nochmals hinfahren, ausführliches erklären, möglicherweise einige Telefonate, bis dann ein Termin entsteht.

Unter der Woche lege ich von 20 Uhr bis Mitternacht auf, an den Wochenenden bespiele ich Cafés zwischen 15 und 19 Uhr. Es wird eine Tour der Nachhaltigkeit sein. Fast alle Singles sind vom Flohmarkt und ich fahre und transportiere alles auf dem Fahrrad.

Mit der Presse und dem Radio bin ich in Kontakt. Ich schreibe Texte, plane Fotos, undundund… Eine Tour, um hunderte Menschen zu treffen. Eine Tour, um der Liebe zur Musik. Eine Tour, um mein kleines Ego als selbstverliebter Plattenaufleger im Zaum zu halten. Eine Tour, die mich möglicherweise an die Grenzen meiner physischen und geistigen Kräfte bringen wird. Eine Tour, nach der vieles für mich anders sein wird. Ich freue mich sehr und ich habe etwas Bammel.

Es ist mein Ziel, unterschiedlichste Lokalitäten zu bespielen. Kulturvereine wie die Brause und die Damen und Herren, Cocktailbars wie die Pechmarie und die Bar Alexandra, aber auch Hotspots der Homosexuellen Szene, Cafés mit Müttern und Kindern oder einfachste Alt-Kneipen. Ich glaube an die Menschen und ich glaube an die verbindende Magie der Musik. Ich will ein Wunder heraufbeschwören, es erleben und mit so viel Menschen wie nur möglich teilen. Das ist meine Vision und so soll es sein.

Ich nehme mir vor, möglichst oft in diesen Blog zu berichten. Über Feedback, Kritik oder gar Lob würde ich mich sehr freuen. Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit.

Huch!

Haru Specks, die menschliche Jukebox
Haru Specks, die verwirrt dreinblickende Jukebox in der Moppete 2008 in Bilk/Düsseldorf. Vielen Dank an Foto Schiko.

Ich werde offensichtlich gelesen, womit ich eigenartigerweise nicht rechnete. Insofern hier ein Lebenszeichen von  mir. Haru Specks ist in Vorbereitung zu seiner nächsten  Tour als menschliche Jukebox. Die nächsten  Tage mehr dazu.  Versprochen.

Nein, es geht nicht mehr weiter

Alle kennen Kraftwerk und alle lieben Kraftwerk. Diese Elektronik, diese Romantik, diese Stringenz, dieser Pioniergeist! Ich heuchle ein wenig, denn sosehr das vor fast 30 Jahren noch stimmte, sosehr wurden sie zwischenzeitlich rechts und links überholt. Meine Meinung: „Computerwelt“ von 1981 war das letzte wichtige Album von Kraftwerk, der Rest ist ein Zementieren des Status Quo ohne Aussicht auf einen Paradigmenwechsel.

Das ist auch nicht das eigentlich schlimme. Fürchterlich empfinde ich nur, wie seit Jahren Kraftwerk-Tracks als Steinbruch für verunglückte Musiker aufgefasst wird, um sich selbst eine vermeintliche Hipness zu verschaffen. Ob auf präparierten Klavieren, unpräparierten Streichinstrumenten oder mit dem Akkordeonorchester: viele Menschen scheinen es für revolutionär zu halten, diese angeblich so kalte, elektronische Musik auf akustischen Instrumenten zu reproduzieren.

Da lobe ich mir Senor Coconut, der diesen Ringelpitz vor gefühlten Jahrzehnten begann, indem er Kraftwerk südamerikanisch interpretierte. Was natürlich funktioniert, warum auch nicht?

Wenn tatsächlich die Auseinandersetzung mit früher Elektronik die Triebkraft sein sollte, dann wünsche zumindest ich mir die konkrete Ausweitung des Repertoires mit frühen Ultravox!, dem frühen John Foxx und – warum nicht? – Japan. Oder lieber doch nicht. Bitte, liebe Neoklassiker, reitet weiter auf einen toten Pferd dahin und macht euer Publikum staunen. Wenn es irgend jemandes Miete bezahlt, soll es gut sein. Aber bitte aufhören, das mit Klassik oder Kunst in Verbindung zu bringen. Es ist nichts anderes als Gebrauchsmusik. Was zumindest die frühen Kraftwerk keinesfalls als Beleidigung verstanden hätten.

http://youtu.be/LMdWIBciPnM

Dies sind die Pausen

Gute Musik handelt mitunter von guter Musik. Und so kann ich nun ganz einfach von Palais Schaumburg zu Kurtis Blow springen. Wie das geht? Achtung…

Ich hatte 1982 oder -83 die Chance, zum zweiten Male Palais Schaumburg live zu hören. Dieses Mal leider nicht mehr mit Holger Hiller, der kurz zuvor ausstieg. Das Konzert fand in Stuttgart in einer Disco statt und wir bummelten gemütlich rein, um von irren Sounds empfangen zu werden. Das Szenario war wie folgt:

auf der Bühne stand ein Typ im Trainingsanzug hinter dem Mikro und plapperte rhythmisch drauflos, während hinter ihm ein zweiter Typ hinter 2 Plattenspielern stand und die irrwitzigsten Dinge mit ihnen anstellte. Kurtis Blow im Vorprogramm von Palais Schaumburg und das Publikum bestand aus amerikanischen Soldaten, die zu feiern wussten. Hip Hop war zu jener Zeit noch kein Begriff und Rap bestand aus Sugarhills „Rapper’s Delight“. Wer ahnte da schon, was folgen sollte?

Kurtis Blow ist oldest school, ein sympathischer Dampfplauderer mit melodischer Stimme, der gerne Party machte und zwischendurch ein wenig Nachhilfe in Stolz und „Finger weg von den Drogen!“ machte. Nachfolgender Song fällt etwas aus seinem Schema raus, ist aber durch sein Piano umso erhebender.

PS: wir fingen sofort Feuer und tanzten wie wild zu Kurtis und seinen DJ. Als er fertig war, flohen alle GIs und die gelangweilten, hippen Szeneleute schlurften von der Bar zur Bühne, um Palais Schaumburg zu erwarten. Wir hielten den Bruch nicht aus und gingen während des zweiten Songs.

Ich bin ein Schaffner

Anfang der Achtziger verschenkte „Das Büro“  (aka Atatak) eine Kassette von Thomas Fehlmann und Holger Hiller (Bild links) namens „Wir bauen eine neue Stadt“ als Weihnachtsgabe für treue Kunden. Wie auch immer: ein mir Bekannter hatte dieses Tape und ich genoß die Musik in vollen Zügen.

Fehlmann und Hiller waren damals Bestandteile der von mir zutiefst verehrten Band „Palais Schaumburg“ aus Hamburg. Zumindest solange Holger Hiller Mitglied war (also 2 Singles, 1 Samplerbeitrag und ein Album lang, soweit mich die Erinnerung nicht trügt). Es war Holger Hiller, dieser hohlwangige Schlaks, der mich mit seiner Stimme und diesen abstrusen Texten in den Bann schlug. So war ich natürlich hoch erfreut über diese Kassette.

„Wir bauen eine neue Stadt“ ist eine Kinderoper von Paul Hindemith, 1930 geschrieben. Die Kinder bauen sich eine Stadt und bevölkern sie auch. Sie spielen Erwachsene: Schaffner, Lehrer, aber auch Polizisten und Diebe kommen darin vor, die alles, aber auch wirklich alles klauen. Selbst den Pudel von Frau Lehmann. Hiller und Fehlmann spielten die kurzen Lieder im besten Sinne naiv – also ohne jegliche Ironie – ein. Es ist ein kleines Wunder.

Mitte der 90er Jahre hatte ich dann Gelegenheit, Kurt Dahlke (Labelinhaber von Atatak, Ehemals Mitglied bei „Der Plan“, Solo unterwegs zur Zeit als Pyrolator und in -zig großartige Projekte verstrickt) auf dieses Tape anzusprechen, da ich meines über 10 Jahre vorher zurückgeben musste. Und tatsächlich schenkte er mir eines dieser wirklich raren Teile. Ich spielte es auf langen Autofahrten so oft meinen Kindern vor, bis wir jedes Lied auswendig singen konnten.

Vinyl on Demand sei noch erwähnt, die die kurze Kassette als einseitige Vinylscheibe veröffentlichten. Mögen sie lange und gesund und glücklich leben.

Dieser kleine Mann hatte eine Aufgabe

Tim BuckleySchlechte Insiderkalauer könnten wie folgt beginnen: was haben Tim Buckley und Bruce Lee gemeinsam? Du bist kein Insider? Dann muss ich mich auch schon nicht ob des schlechten Witzes schämen. Ich sollte die Scham nicht vom Entdecken abhängig machen? Gut, ich schäme mich also freiwillig.

Mit 13 Jahren erhielt ich einen Ferienjob, der wie ein Lottogewinn anmutet: ich arbeitete in einen Schallplattengeschäft und achtete darauf, dass keiner Platten klaut. Die Bezahlung war für damalige Verhältnisse und den Aufwand geradezu fürstlich (6 Mark die Stunde) und tatsächlich fasste ich nie auch nur einen Dieb, doch dafür stieg ich innerhalb weniger Tage zum Aushilfsverkäufer auf.

Was hat man mit 13 Jahren schon groß anzumelden, wenn alle um dich gefühlte 50 Jahre älter sind? Wenn man etwas Grips im Kopf hat hält man ungefragt den Mund und hört gut zu. So wurde ich in diesen zarten Alter mit wirren Zeugs wie Mahavishnu Orchestra oder Mahagony Rush konfrontiert. War gar nicht so schlimm und einiges blieb auch hängen (Ramones natürlich, aber auch The Hybrid Kids oder Gang of Four). Anfangs versuchte ich, mich dezent bei den Älteren einzuschmeicheln, dann übernahm ich die eine oder andere Marotte des Hauptverkäufers, um mich vermeintlich interessiert zu geben.

Eine Vorliebe meines launigen Chefverkäufers war Tim Buckley, den ich einfach so übernahm. Ich kaufte mir als Einstieg „Goodbye and Hello“ und danach pflichtbewusst alles, was ich habhaft werden konnte. Und es erfasste mich sogleich. Die ausschweifenden Erklärungen meines Meisterverkäufers ergingen sich in Tim Buckleys Oktavenumfanges, wie auch der groß ausgelebten Leidens-, wie auch alle anderen Formen von Emotionsfähigkeites im Gesang. Ich hörte ihm zu, wie er „Sweet Surrender“ einen farbigen Kunden „blind“ (ohne irgendwelche Infomationen) vorspielte. Er konnte es nach dem Hören nicht glauben, dass Buckley ein Weissbrot war. Und tatsächlich ist es es ja herzknetend bis -zerreissend, wie Tim B. wimmert, jammert, fleht und bibbert, um zwischendurch dann zu grunzen und zu kreischen. Ach, hören Sie doch selbst einfach! Das blaue „Sweet Surrender“ ein paar Zeilen weiter oben ist ein Link zum Video.

Doch dann kam Punk und ich sagte meinen früheren Vorlieben (wie auch Deep Purple und Queen)  leichten Herzens „Lebewohl“, um Tim Buckley fast zu vergessen. Doch als ich irgendwann mit meinen vermeintlich früheren Musiksturm (siehe auch: „Bildersturm“) fertig war und ich mit meiner Vergangenheit Frieden schloss war auch Tim Buckley wieder in meinem Herzen. Und Dank des Internets kann ich ihn nun nun endlich auch sehen, welch ein famoser Kerl Tim Buckley doch war. Ich erhebe ihn zu Ehren mein Glas, der viel, viel, viel zu Früh diesen Planeten verließ.

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We’ve only just begun

Missverständliche Schönheit und Kraft, die im Tod endete: the Carpenters.

Wie komme ich auf diesen Titel als ersten Artikel? „We’ve only just begun“ ist ein gemeines Pop-Versprechen, welches die Carpenter-Geschwister mit diesen Song in die Welt bliesen. Ich sah schon uralte Paare zu diesen Zeilen schwofen, wobei die Tänzer gerne die Wange an die Wange des Partners schmiegen und die Augen schließen. Es geht um Illussionen, also schöne Lügen. Die dunkle Seite des Pops, wir dürfen sie nie vergessen.

Bei den Carpenters haben wir schon alle Zutaten beisammen, um die es mir geht: Missverständnisse, Schönheit, Kraft und – leider unausweichlich – der Tod. Denk‘ ich an die Carpenters, dann kommt mir natürlich Karen in den Sinn. Habe ich mich jemals gefragt, was Richard Carpenter zwischenzeitlich macht? Ich fühle mich wohl bei dem sicherlich trügerischen – weil zu naheliegenden – Gedanken, dass er zwar vielleicht der große Arrangeur war, doch gleichzeitig Karen durch seinen Ehrgeiz in den Tod trieb. Ich habe wirklich keinen Dunst, ob es stimmt, doch es würde so wunderbar meine Vorurteile bestätigen.

Nochmals von vorne: denk‘ ich an die Carpenters, dann fällt mir ein sehr frühes Video ein, welches das Geschwisterpaar auf einer Achterbahn „Top of the World“-singend zeigt. Für mich sehr jungen Kerl damals war das Geschwisterpaar, welches irgendwie so verliebt tat, verwirrend. Doch sie war so schön. Womit ich den zweiten Punkt ohne Probleme abhake.

Aufgeladen wurde meine Carpenters-Betrachtung durch die erworbene Gewissheit, dass Karen Schlagzeugerin war. Wie großartig und untypisch, diese Frau mit Stöcken in der Hand sehen zu können – im derben Kontrast zu Auftritten wie jenes in Japan mit einen riesigen Kinderchor. Da haben wir die Spannung, in der es sich schlecht leben lässt.

Was soll ich also noch zum Tode schreiben? Sie ist tot. Soweit ich mich erinnere das erste Opfer der Magersucht. Oder war es doch Brustkrebs? Ein Frauentod offensichtlich. Wie traurig. Wo wir doch gerade erst anfingen zu leben.

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