Disposable Heroes of Hiphoprisy – Language of Violence

Dank der Vinylpredigten cruise ich durch meine Plattensammlung und entdecke so einiges wieder neu. Zum Beispiel Michael Franti.

Er war bei den Beatnigs, einer Skate-Punk-Dingenskirchensband. Er war bei The Disposable Heroes of Hiphoprisy, einem Industrial-Hiphop-Projekt  und jetzt ist er der Kopf von Spearhead, einer Band, die zwischen einigen Stühlen sitzt. Interessante Entwicklung. Guter Mann.

Echo and the Bunnymen – Going Up

Das erste Lied der ersten Seite der ersten Platte. Eigentlich ist dieses Thema ein eigenes Buch wert. Bei Echo and the Bunnymen beginnt das erste Lied der ersten Seite der ersten Platte unbestimmt, flirrend. Gitarren zirpen, eine Art Echolot piept, eine andere Gitarre geht mit dem Bottleneck die Seiten runter. Da kommt von hinten, aus dem Dunkel erst leise, dann immer lauter die Band herangalopiert, als wären es die vierReiter der Apokalypse. Bedrohlich, rasend. Doch dann bremsen sie ab, um Gesang, einen Riff, einen energetischen, aber langsameren Beat zu schlagen. Es geht aufwärts. Aber es geht auch abwärts. So der Schluss. Der vermeintliche Schluss. Denn nun geht der Song nochmals langsamer weiter. Nein, er blendet aus. Flowers in the air. Taumeln, Träumen, Schwanken.

Die Verweise sind klar: wir kennen Punk, aber auch die Psychedelic der 60er. Going Up ist eines der stärksten Opener einer Debutplatte, die ich kenne. Hier wird alles skizziert, was die Band im Gesamten ausmacht: Der Alarmgesang, die verhallten Gitarren, die Kraft und die Schönheit. Going Up ist absonderlich in seinen Aufbau. In knapp 4 Minuten werden eigentlich 4 Ebenen aufgebaut. Das Chaos zu Beginn, die heranrollenden Gitarren als eine Art Bridge, dann der eigentliche Song samt Gesang und schließlich das taumelartige Dreampop-Ende. Das ist Fülle, einfach so aus der Lameng. Weil man es kann und eigentlich nicht besser weiß.

Das mit zuerst Druck machen und dann langsamer werden ist dramaturgisch eigentlich meist umgekehrt der Normalfall. Also zuerst zart, dann hart. Echo and the Bunnymen machten es auf ihrem allerersten Song auf LP genau andersrum. Das hat Verve, Mut, jugendlichen Überschwang, Kraft.

Franz Ferdinand haben ca. 20 Jahre später den Gedanken von „zuerst schnell und dann langsam“ in Form von Take me out wiederholt.

The Mindscape of Alan Moore

Watchmen, V wie Vendetta, From Hell, Lost Girls , Swamp Thing, Top Ten und das Herausarbeiten von Constantine aus der Swamp Thing-Reihe… Wer sich ernsthaft mit Comic beschäftigt, kommt an Alan Moore nicht vorbei. Für mich ist er eine Art Magier, ein Universalist alter Schule, der eigentlich auf eine Ebene wie auch Umberto Eco zu heben ist. In der Dokumentation „The Mindscape of Alan Moore“ von 2005 versprüht er Bonmots, irre Gedanken und Inspirationen, die mich heute noch beschäftigen.

Audio Active – Burning of the Midnight Lamp

Audio Active waren eine japanische Reggae- und Dubband. Hier covern sie Jimi Hendrix‘ Bunring of the Midnight Lamp. Produziert wurden sie vom britischen Dub-Mogul Adrian Sherwood auf seinem On-U Label. Ich mag es, wenn möglichst weit auseinanderliegende Bezugspunkte zusammenfallen und solche Schönheit entfalten.

Audio Active sind witzig, lustig und selbstironisch auf „Tokyo Space Cowboys“. Auf ihrer anderen mir vorliegenden Scheibe „Happy Happer“ sind sie jedoch mitunter schon derbe psychoaktiv bis anstrengend. Nichtsdestotrotz sind sie es wert, mal wieder erwähnt zu werden.

Tears For Fears – The Hurting

Zwei Spät-Teens oder Früh-Twens machen unter den Namen Tears for Fears ein Album namens The Hurting, welches sich mit Kindheitstraumatas auseinandersetzt. Das liest sich altklug und konstruiert, doch die Scheibe von 1983 lebt vom Gesang, der den oberflächlich gesehen kühlen Betrachtungen von Verletzungen und Missachtungen Inbrunst entgegen zu setzen weiß.

Mindestens 4 Songs der Platte bilden ein stabiles Quadrat, eine Thesenkette von der Verletzung bis zur möglichen Heilung (The Hurting, Pale Shelter, Mad World, Change). Kann man gut hintereinander hören und vielleicht verstehen, warum Tears For Fears mit The Hurting und den nachfolgenden Scheiben Songs From The Big Chair und The Seeds Of Love drei Alben für meine kleine Ewigkeit erschufen: Humanismus und Ästhetik gehen hier Hand in Hand.

Nick Heyward – The Day It Rained Forever

Spitzensong, tolles Arrangement. Die Streicher taumeln müde und Nick schmachtet fantastisch. Man merkt dem Lied an, dass Heyward mit Haircut 100 in Samba und Bossa wühlte bei diesen verminderten Akkorden. Bei ca 2:30 kommt dann der Durchbruch, um dann zu Ende zu plätschern.

Kompositorisch nicht der große Wurf, entfaltet der Song seine Kraft durch die verschwenderische Instrumentierung und das feine Arrangement. Ich kaufe auf Flohmärkten alles von Heyward, was ich kriegen kann, aber dieser Song war leider nie dabei.

Beim heutigen Wiederhören fällt mir jedoch eine Parallele zu Scott Walker auf: Das Regenthema, das Tempo, die Melancholie, die Streicher… Gut möglich, dass sich Heyward von Walker inspirieren ließ.

Prefab Sprout – America

Paddy McAloon ca. 1986

Seit Jahrzehnten spreche ich von Prefab Sprout als beste Band der Welt und aller Zeiten. Das ist nicht sonderlich originell, einige meiner Generation sehen das ähnlich. Man spricht dann vom großartigen Songwriting, den zauberhaften Melodien, dem Blue-Eyed-Soul, vom Willen zur Schönheit, den großartigen Texten und der Band als Familienersatz. Doch  wenn ich ganz aufrichtig bin, berührt mich Prefab Sprout seit The Gunman and other Stories nicht mehr wirklich in der Tiefe. Die nachträglich veröffentlichten Werke wie „Crimson Red“ haben meinen Respekt, aber die Produktionen strahlen nicht mehr, sondern wirken eher dahingerotzt und etwas lieblos.

Paddy McAloon ca 2016

Mag man dies Paddy McAloon vorwerfen? Ich wage es nicht. Es ist sein Genie und sein Werk und seine Band. Er hat genug großartige Songs und Platten veröffentlicht, um mich den Rest meines Lebens zufrieden zu stellen. Zudem ist er mir irgendwie fremd geworden. Aus dem jungen, hübschen Kerl wurde in einen kurzen Augenblick ein scheinbar uralter Mann mit schlohweißen Haaren und langen Bart, Sonnenbrille und einem Gehstock. Mir sind die Hintergründe zwar bekannt, trotzdem will es mir nicht in den Kopf. Es ergibt keinen Sinn.

Wie sang er in Prisoner of the Past? „I’m a ghost to you now“. Ich schloss meinen Frieden und auch ab mit Paddy McAloon. Mag er weiter in Archiven wühlen und Demos veröffentlichen, es stört mich nicht weiter. Seine Zeit ist vorbei und meine vielleicht ja auch. Machen wir uns nichts vor.

Vorgestern dann wieder ein Foto  von ihm in meiner Timeline. Ich hörte kurz in den Song America und dachte „Nett, er lebt noch“. Letzte Nacht sendete mir meine Freundin den Song nochmals. „Okay“ dachte ich, „hör dir das mal richtig an“. Und plötzlich war es wieder da. Diese Relevanz, diese unsagbare Gravität seiner Leichtigkeit. Da sitzt er mit seiner Gitarre und lässt Harmonien perlen, die mich schwindlig machen und singt dabei mit einen gealterten Falsett und voller Zärtlichkeit von America, das die Flüchtlinge aufnehmen soll, da America diese Flüchtlinge braucht. BAMM! machte das bei mir. Gänsehaut und – ja, wirklich – Tränen. Welche Leidenschaft, was für ein Können. Er ist ein Meister, ein König, er ist Zeus mit seinem langen Bart, auch wenn sein Gesang Orpheus gleicht. Er macht mit einer improvisierten Aufnahme alles, wirklich alles vergessen. McAloon greift sich ein beschissen schwieriges Thema und bricht es auf eine ganz einfache und leichte – aber dabei keineswegs dumme – Art und Weise auf eine allgemeinverständliche Botschaft runter. Nimm die Waisen auf, die die Kriege ausspuckten, die du angezettelt hast, America.

Bitte hau eine neue Scheibe raus, Paddy Joe.

Marvin Gaye – Praise

Volker hatte schon seit Tagen Marvin Gayes In Our Lifetime neben seinen Plattenspieler stehen und vor einigen Tagen fand ich endlich mal die Zeit und Muse, in sie hineinzuhören. Auf Gaye stieß ich spät und sein Universum an Scheiben und Songs beschäftigt mich heute noch. In Our Lifetime ist von 1981, also die Scheibe vor Midnight Love mit Sexual Healing, welche als sein großes Comeback gefeiert wurde.

Hier fährt Marvin Gaye nochmals seinen großartigen Mix aus Spiritualität und Hedonismus auf. Große Klangwand, vieles nebeneinander, Stimmen über Stimmen. Er jauchzt und gurrt und seine Stimme hat Kraft und Entschlossenheit. Schlafe gut, Marvin. Schlafe gut auf ewig.

Suicide – Dream Baby Dream

still aus „the road“

Heute Abend gehören einige Stunden nur mir. Ich arbeitete, schrieb und telefonierte, machte Haushalt, räumte auf, putzte ein wenig, kochte mir Essen, aber der Rest des Abends ist mein. Ich könnte mich hinterfragen, inwiefern er mein ist, wenn ich ihn dazu nutze, etwas zu schreiben, was die ganze Welt theoretisch teilen könnte, aber diesen Bruch halte ich aus.

Ich sah gerade die Kritik und die Analyse der Filmanalyse über Logan an. Kernpunkt der Handlung scheint Wolverine zu sein, der eigentlich nicht mehr in die moderne Welt passt. Das triggert mich ein wenig, was kaum verwundern sollte. Auch wenn Schallplatten gerade einen Hype erleben, ist das Format veraltet. Vinyl wird aus Erdöl hergestellt und verbraucht nicht zu knapp unwiderbringlich kostbare Ressourcen. Doch andererseits sind Schallplatten ein Produkt, welches nachhaltig zu nutzen ist, wenn man sich nicht doof anstellt. Zumindest alte Schallplatten kann man ohne schlechtes Gewissen horten.
Wenn es aber um den Nachhaltigkeitspreis von akustischen Abspielmöglichkeiten geht, dann gewinnt Schellack. Der Quellstoff (Schellack, Tafellack, Plattlack oder Lacca in tabulis auch fälschlicherweise als Gummi Lacca Gummilack und Lackharz bezeichnet, ist eine harzige Substanz, die aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus Kerria lacca (Pflanzenläuse, Familie Kerridae) nach ihrem Saugen an bestimmten Pflanzen gewonnen wird. Wikipedia) ist zwar noch exklusiver als Erdöl, doch dafür gibt es Abspielgeräte, die keinen Strom benötigen. Man braucht ein Gramophon mit Handaufzug. Damit kann man auf der Wiese selbst nach einem Elektromagnetischen Puls Musik hören. Selbst die teuersten Röhrenverstärker sind dann nur noch unnützer Schrott, doch Uropas Gramophon spielt immernoch Swingplatten, wenn man sie hat.

Der Witz ist: je älter der Kram, desto widerstandsfähiger und langlebiger ist er. Im Gegensatz zum meisten modernen Zeugs. Der Umstand des Alten ist ja der Beweis, dass er langlebig ist. Es  scheint mir folgerichtig, dass die Industrie versucht ist, alten Produkten ein schlechtes Image zu verpassen. Im Umgang mit dieser Problematik zeigt sich die Aufgeklärtheit des Konsumenten.

Was für ein launischer Blog heute. Aber zu mehr reicht es einfach nicht. Und was dies alles mit Suicide zu tun hat, weiß ich auch nicht. „Dream Baby Dream“ ist ein nachhaltiger Song, der sich nicht verbraucht. Okay, von mir aus.

The Chills – Ghosts

Gegen Ende der 80er gab es eine Flut großartiger Bands aus Neuseeland und Australien. Eine von Ihnen waren „The Chills“, die in der Rückschau archetypischen Indie-Pop vom Stapel ließen. Sie hatten eine eigene Auffassung von Punk und atmeten auch mitunter Folk. Wie beim Lied Ghosts. Das Songwriting war immer superb, die Aufnahmen hatten Kraft. Hier, bei Ghosts gibt es im letzten Drittel einen Break, der sich eigentlich nach einem Ende anfühlt,  aber dann ganz immens Fahrt aufnimmt, um ganz zum Schluss das tolle Introthema zu wiederholen. Fantastisch.