Coil – How to destroy Angels

Nach der Arbeit besuchte ich Volker in seinem kleinen, schönen Laden. Da wartete die Platte schon im Regal auf mich. Sie stand im Regal und leuchtete Orange vor sich her, um mich anzuziehen. Ich nahm sie zur Hand und wie ich den Titel las, wußte ich, dass ich diese Platte kaufen muss. Auch wenn dafür fast mein ganzer Tagelohn draufgeht. Eine Platte mit dem Titel „How to destroy Angels“ ist wichtiger als Essen auf dem Tisch.

Coil faszinieren mich seit langer Zeit. Seitdem ich „The Anal Staircase“ in einem Ramschstapel in den 80ern fand. Ich habe wenig von Coil, gerade mal die LP „Horse Rotovator“, besagte EP und seit heute die einseitig gepresste Platte, die ich heute also bei Volker erstand. Aber ich las so einiges über sie und so ziemlich alles, was ich bisher von ihnen erfuhr, fasziniert mich. Sie beschäftigen sich mit der Seite des Lebens, die unangenehm ist. Und das ohne Wichtigtuerei. Es geht um Tod und Schmerz, um die Dunkelheit und Kälte des Universums, um Rituale, Sex, Gewalt, Lust. Doch sie erkunden das nicht als aufgeregte Typen, die mit ihrer Arbeit protzen. Sie gehen mit großer Ernsthaftigkeit und Genauigkeit an ihr Werk. Manchmal erinnern sie mich an Chirurgen, die konzentriert in den Gedärmen unseres Lebens nach Geheimnissen suchen, um diese freizulegen und zu präsentieren. Dann erinnern sie mich an uralte Schamanen, die über Foltermethoden der Inkas berichten. Es verwundert nicht, dass sie im Tempel ov Psychic Youth Mitglieder waren, wie auch bei Throbing Gristles, dieser durchaus verstörenden Band um Genesis P Orridge Ende der 70er. Ihre Haltung erinnert mich an Alan Moore, dem Comicautoren und selbsternannten Schamanen.

How to destroy Angels ist ein unglaublich starker und intensiver Titel, wie auch Blood from the Air oder The first 5 Minutes after a violent Death. Ursprünglich sollten sie den Soundtrack von Hellraiser liefern. Der Soundtrack existiert zwar, doch er kam leider nicht zum Einsatz.

Der Track selbst wirkt auf mich wie ein Ritual. Er wirkt bedrohlich, düster, in einem weiten Raum. Man hört Gongs, Metalplatten, Schaben und Reiben von Eisen oder Stahl. Der Titel und die dazugehörigen Geräusche haben das Potential von schrecklichen Bildern, die im Kopf entstehen können. Es ist ein unheimliches Experiment, Klang und Namen in Deckung zu bringen. Die Geräusche haben eine Kälte, aber auch Ruhe. Da ist keine Eile, alles geschieht ruhig, unerbittlich ruhig. Aus der Tiefe kommen hallverwaschene Gongs, in der Nähe liegen die hohen Geräusche, die wie Herumspielen mit Schwertern klingen. Sie liefern den Soundtrack zu einer Szene, die der Zuhörer gestalten muss. Wie stellst Du dir die Zerstörung von Engeln vor, wenn Du dieser Musik lauschst? Welche dunklen Bilder entlocken Coil Deinem Unbewusstem? Wie stellst Du Dir die Engel vor? Und wie werden sie zerstört? Von wem? Weshalb? Und was geschieht dann?

Ich nenne dies psychoaktive Musik für Fortgeschrittene. Es fordert den Zuhörer heraus. Und wenn ich ganz ehrlich bin: ich traue mich noch nicht die Türe zu öffnen, hinter der ich meine dunklen Bilder gelagert habe.

Ich finde es wichtig, dass es solche Kunst gibt. Sie kann Ebenen in uns wecken, die wir seit Jahrhunderten durch angesammelte Kultur, Zivilisation und Gesellschaft von uns halten wollen. Pantheismus, Schamanismus, uralte Rituale. Kein Grund, sich schnell Neuheide zu nennen, aber eine Gelegenheit der ungewohnten Auseinandersetzung mit sich selbst.

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